Gottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, den 21.08.2022 in Scherzheim

Aktualisiert: 21. Aug.



Gottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, den 21. 08. 2022,

um 10:10 Uhr in Scherzheim mit Pfarrer i.R. Norbert Unkrich



Wenn Sie an unserem Gottesdienst nicht teilnehmen können, haben Sie hier die Möglichkeit dennoch mit unserer Gottesdienstgemeinschaft verbunden zu sein. (Gerne dürfen Sie diesen Gottesdienst auch ausdrucken und weitergeben.)



Praeludium


Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Am heutigen Sonntag denken wir an das oft gestörte Verhältnis zwischen uns Christen und dem jüdischen Volk. Wir machen uns bewusst, dass das AT zu unserer gemeinsamen Bibel gehört, dass Jesus, unser Heiland, ein Jude war, und wie das jüdische Volk gerade in schweren Zeiten alle Klagen und Bitten vor Gott dargelegt hat.

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu diesem Gottesdienst.

An der Orgel begleitet uns Herr Fritz.


Lied: 443, 1-3 Aus meines Herzens Grunde

https://www.youtube.com/watch?v=mgvKQGJly6s


Wir beginnen unseren Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes.

Amen.


Der Herr sei mit Euch! Und mit deinem Geiste!


Wechselpsalm: 709.1 Ehr sei dem Vater


Wir wollen beten:

Treuer Gott, in Jesus bist du Mensch geworden inmitten des jüdischen Volkes zum Heil der Welt. Du hältst Treue deinem erwählten Volk, auch wenn du ihm oftmals schwere Zeiten zugemutet hast. Zugleich hast du seine Grenzen überschritten, so dass nun auf der ganzen Welt Menschen ihre Anliegen vor dir ausbreiten und dich in ihren Gebeten anrufen. Lass auch uns nicht müde werden in unserem Glauben gerade, wenn wir - wie jetzt - das Gefühl haben, unsere Welt rase zusehends auf einen Abgrund zu. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich! (Kyrie)


Gott hat sich unser erbarmt. Darum gibt er auch uns in Psalm 33 seine gnädige Zusage: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!“ - Ehre sei Gott in der Höhe! (Gloria)



Lied: 433 (2x) Hevenu Schalom alejchem

https://www.youtube.com/watch?v=4mr-6JHL8LU


Gott, du Heiliger Israels! Vergiss die Leiden deines auserwählten Volkes nicht - auch nicht die Leiden und Schmerzen der Menschen heutzutage! Lass uns dich immer wieder um Vergebung unserer Schuld anrufen, wenn wir nicht nach deinem Willen gefragt haben, vielmehr aus Egoismus und Gleichgültigkeit heraus das Leben der Menschen und unsere Beziehungen zu denen, deren Glauben von unserem Glauben etwas abweicht, vernachlässigt haben. Amen.


Lied: 430, 1-4 Gib Frieden, Herr, gib Frieden

https://www.youtube.com/watch?v=58qu0rrt-JY


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herren Jesus Christus. Amen.


Den Predigttext aus dem Buch der Klagelieder im 5. Kapitel hören wir während der Predigt.


Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige und segne unser Hören durch deinen Hl. Geist.

Amen.


Liebe Gemeinde!

Gedenke - mit dieser Aufforderung beginnt unser heutiger Predigttext. Gedenke - das heißt: erinnere dich! Schau zurück und bringe dir in Erinnerung. Rufe dir ins Gedächtnis und mache dir bewusst! - Gedenke - das geht nicht oberflächlich und husch husch. Das braucht Zeit und den festen Willen dazu.

Gedenke! An was gedenken wir? Am Volkstrauertag zum Beispiel gedenken wir der Gefallenen der beiden Weltkriege. Oder wir gedenken an die Opfer von Anschlägen und extremer Gewalt. Wir gedenken in der Kirche nach einer Trauerfeier eines Verstorbenen und am Totensonntag noch einmal aller Verstorbenen des letzten Kirchenjahres. Heute am 10. Sonntag nach Trinitatis solidarisieren wir uns mit dem jüdischen Volk und gedenken der Zerstörung Jerusalems etwa 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Unser Kalender ist voller Gedenktage. Manchmal sind die Wunden noch allzu frisch, manchmal sind die Wunden vernarbt, manchmal sind sie so alt, dass wir die Geschichte am liebsten ruhen lassen möchten.

Auf der anderen Seite brauchen wir das Gedenken, weil wir dadurch das in unserem Leben verarbeiten, was uns niederdrückt und belastet. Wenn wir Schuld zum Beispiel verdrängen und nicht offen aussprechen, bleibt unsere Schuld unbearbeitet und bekommt immer mehr Macht über uns, bis sie uns die Luft zum Atmen abschnürt. Nur im Gedenken können wir unsere Vergangenheit verstehen und bewältigen. Nur im Gedenken können wir aus der persönlichen Geschichte wie auch aus der Weltgeschichte lernen und die richtigen Konsequenzen ziehen. Nur so können wir in unserer Gegenwart und Zukunft befreit und unbelastet leben.


Gedenke, Herr! - so fährt unser Text fort. Es geht folglich heute nicht nur um das eigene und persönliche Innehalten und Gedenken eines jeden unter uns. Vielmehr wird hier Gott aufgefordert, sich seiner Menschen zu gedenken. Dabei steht die Frage im Raum: Wann brauchen wir Gott? Immer, so werden wir richtigerweise sagen. Ja wir brauchen Gott immer und haben ihn zu allen Zeiten nötig! Denn er ist ja derjenige, der uns das Leben gibt und es erhält; dem wir unsere Klage und unser Lob, unseren Dank und unsere Bitte sagen und anvertrauen können. Das wissen wir alles. Aber Gott brauchen wir noch einmal mehr, wenn wir im Leben ganz unten sind; wenn wir mit unserer Weisheit völlig am Ende sind; wenn wir nicht mehr ein noch aus wissen; wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird; wenn wir keine anderen Worte mehr haben als die folgenden, um unsere Situation zu beschreiben: Hören wir aus dem 5. Kapitel der Klagelieder Bitten und Hilferufe, die wir in Gedanken zugleich in die Gebiete unserer Erde übertragen, in denen zur Zeit Krieg und Hungersnot vorherrschen:


Klagelieder, Kapitel 5


Dies sind Worte, wie wir sie uns in Syrien oder in den Palästinensergebieten ebenso vorstellen können wie in der umkämpften Ukraine und am Horn von Afrika, wo gegenwärtig eine unsagbare Hungersnot vorherrscht. Menschen schildern, wie ihr Leben auf den Kopf gestellt wurde. Und was für die Menschen eines Landes oder eines Gebietes gilt, das müssen wir auf die Situation jedes einzelnen dort betroffenen Menschen übertragen. - Ja, in solchen Situationen brauchen Menschen, brauchen wir Gott: wenn unser Leben aus den Fugen gerät, wenn wir am Boden sind; wenn wir das Gefühl haben, unsere Welt rast zusehends auf einen Abgrund zu. - Diese Situation ist auch vergleichbar mit Jesus, als er kurz vor seinem Tod seinen göttlichen Vater im Garten Gethsemane brauchte, dort auf dem Erdboden kniete und intensiv zu Gott betete.


Nun ist die Situation, wie wir sie eben gehört haben, nicht aus unseren heutigen Tagen, vielmehr ist sie gut zweieinhalb-tausend Jahre alt. Aber damals wie heute gilt:


Gedenke, Gott! „Führe dir, Gott, vor Augen, wie es uns, deinen Menschen, geht! Mache dir das bewusst, woran wir zu leiden und worüber wir zu klagen haben!“


Ein schwieriger Text und ein trauriger dazu und - leider - ein hochaktueller Text! - Das Gefühl zu haben, das ausbaden zu müssen, was andere uns eingebrockt haben. Unverschuldet in einen Krieg hineingeraten zu sein, der nur Zerstörung bringt und Ängste schürt, der Menschen tötet und Familien auseinander reißt! - Die Erkenntnis zu gewinnen, dass wir uns das Leben selbst zur Wüste und zur Hölle machen, weil wir längst von den Wegen Gottes abgewichen sind. - Das Erschrecken darüber, dass das Chaos jederzeit und ohne erkennbaren Grund über Menschen hereinbrechen kann. - Und mein persönlicher Schmerz darüber, dass Menschen Solches und Ähnliches immer wieder erleiden und erdulden mussten, ja bis heute erdulden und erleiden müssen!


Ist dies ein trostloser Text? Nein! Auch wenn dieses Kapitel mit einer Frage endet: „Hast du uns denn ganz verworfen, und bist du allzu sehr über uns erzürnt?“ - Trostlos wäre unser heutiger Text dann, wenn er keinen Adressaten hätte. Dann, wenn es keinen Gott gäbe, an den wir unsere Angst und Traurigkeit, unseren Schmerz und unsere Verzweiflung richten könnten! Aber: Gott ist da! Und Gott antwortet, wie wir an vielen anderen Stellen unserer Bibel nachlesen können. Zum Beispiel durfte das Volk Israel nach langer Gefangenschaft in Babylon wieder zurück nach Israel und Jerusalem mitsamt dem Tempel wieder aufbauen. Oder die Beter der Psalmen dürfen immer wieder an Gottes Barmherzigkeit erinnern. Und für uns Christen gibt Gott Antwort gerade im Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Mit dem Leben Jesu, seinem unsäglichen Leiden, seinem qualvollen Sterben und seinem Auferstehen führt Gott sich das Elend und die Zerrissenheit seiner Menschen nicht nur vor Augen, vielmehr gedenkt er auf diese Weise seiner Menschen, indem er jedem einzelnen ganz nahe kommt: und zwar von Mensch zu Mensch! Darum ist Gott Mensch geworden, damit ihm kein Winkel des Menschseins fremd ist. Damit er über Jesus jedem zusprechen kann: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“


Gedenke - wir alle sind aufgefordert, uns dessen bewusst zu machen, was Menschen über Menschen gerade an Leid und Elend gebracht haben und immer noch bringen!


Gedenke, Herr! - Wir alle sind aufgerufen, Gott immer wieder an seine Barmherzigkeit zu erinnern, damit er sich derer annimmt, die ohne ihn verloren sind! Denn in seinem Sohn kommt er jedem von uns nahe - von Mensch zu Mensch! - Darum: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Amen.


Lied: 116, 1-4 (NG) Da wohnt ein Sehnen

https://www.youtube.com/watch?v=L0-t1usQ-fo


Lasset uns beten:

Göttlicher Vater, wir brauchen dich in unserem ganzen Leben. Darum rufen wir zu dir und bitten dich:

Lass Christen und Juden einander näher kommen und vertrauen, dass gegenseitige Schuld ernst genommen und nicht verdrängt wird, damit Wunden und Verletzungen heilen.

Lass die Überlebenden der Deportationen und der Konzentrationslager mit ihren Wunden leben. Lass alle, die trauern und nicht vergessen können, Linderung finden in ihrem Schmerz.

Lass Juden, Muslime und Christen einander das Gespräch suchen und Misstrauen abbauen, dass sie sich achten lernen und ehrliche Wege des Friedens gehen, damit die brutale Gewalt ein Ende nimmt.

Steh den Menschen bei, die gegenwärtig wegen Krieg und Hungersnot flüchten müssen, die unter ständiger Kriegsangst leiden, die schwere Erlebnisse zu verarbeiten haben und nicht wissen, wie es in ihrem Leben weitergehen soll.

Du Gott Abrahams und Saras und Vater Jesu Christi, du bist unser Gott, du allein. Zeige dein freundliches Angesicht jedem einzelnen Menschen. Amen.


Und miteinander und füreinander beten wir, wie uns Jesus Christus uns zu beten gelehrt hat: Vater unser im Himmel…


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, begleite Euch: Er erfülle Eure Herzen; er regiere Eure Gedanken; er bestimme Euer Tun. Amen.


Lied: 293, 1+2 Lobt Gott, den Herrn

https://www.youtube.com/watch?v=G8xLeCpFVVY



Abkündigungen


Wochenspruch:

„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat“. (Ps 33, 12)


Segen


Postludium



All unsere Gottesdienste – teilweise auch zum Anhören - und weitere Impulse finden Sie auch auf unserer Homepage: https://www.ev-kirchengemeinde-lichtenau-baden.com/unsere-gottesdienste





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