• Ute Braun

Gottesdienst am 18.10.2020 (19. Sonntag nach Trinitatis)



Gottesdienst mit Pfarrerin Ute Braun am Sonntag, den 18.10.2020, um 10 Uhr in unserer Evangelischen Kirche in Lichtenau.

Wenn Sie an unserem Gottesdienst nicht teilnehmen können, haben Sie hier die Möglichkeit dennoch mit unserer Gottesdienstgemeinschaft verbunden zu sein.

(Gerne dürfen Sie diesen Gottesdienst auch ausdrucken und weitergeben).


Orgelvorspiel


Wir feiern Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 32 (NL 912)

Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind,

dem die Sünde bedeckt ist!

Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet,

in dessen Geist kein Falsch ist!

Denn da ich es wollte verschweigen,

verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.

Denn deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir,

dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird.

Darum bekannte ich dir meine Sünde,

und meine Schuld verhehlte ich nicht.

Ich sprach: Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen.

Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde.

Deshalb werden alle Heiligen zu dir beten zur Zeit der Angst;

darum, wenn große Wasserfluten kommen,

werden sie nicht an sie gelangen.

Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten,

dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.

Eingangsgebet:

Herr, unser Gott,

„Wie geht es weiter?“, fragen wir, wenn unsere Kräfte schwinden.

„Wo geht es weiter?“, suchen wir, wo unsere Blicke sich verengen.

„Wann geht es weiter?“ drängen wir, wenn Lebenszeit fehlt.

„Geht es überhaupt weiter?“, zweifeln wir, wo Schuld das Leben gefährdet.

„Es geht weiter als du glaubst“ sprichst du uns an.

Lass uns diesen Zuspruch hören, Gott, und uns von ihm in die Zukunft tragen. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Amen.

Evangelium: Johannes 5,1-16

Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.

Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Es war aber Sabbat an diesem Tag. Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.

Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.

Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Lied: Ich singe dir mit Herz und Mund (EG 324,1+2+11+14) (AUDIO Datei zum Mitsingen)

1) Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst.

2) Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.

11) Du zählst, wie oft ein Christe wein und was sein Kummer sei; kein Zähr– und Tränlein ist so klein, du hebst und legst es bei.

14) Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil, dein Glanz und Freudenlicht, dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil, schafft Rat und lässt dich nicht.

Predigtgedanken zu Johannes 5,1-16

Ich mag diese Geschichte von der Heilung am Teich Bethesda!

Nur Johannes erzählt sie. Ein wenig geheimnisvoll und mystisch. Den Volksglauben aufnehmend, um dann darüber hinaus zu führen.

Eine schöne Vorstellung ist es ja, dass ein Engel Gottes von Zeit zu Zeit das Wasser des Teiches bewegt und dass Menschen in diesem Wasser dann Heilung erfahren. Es erinnert uns an manche Legende, die sich um besondere Pilgerorte und Heilquellen ranken.

Ja, ich mag diese Geschichte und ich hab auch schon einige Male darüber gepredigt. Dieses Mal aber merke ich, dass ich sie anders lese auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen in diesem Jahr.

Da liegt ein Mann seit 38 Jahren in einer Halle nahe bei dem Teich. Er ist gelähmt und so dazu verdammt an dem Ort zu liegen, wo er einmal hingelegt wurde.

38 Jahre. Für uns waren schon die 8 Wochen mit Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen unerträglich. Hier haben wir gemerkt, wie hart es ist, nicht überall hingehen zu können, wie wir es bisher gewohnt waren. Die Menschen nicht besuchen zu können, die uns am Herzen liegen.

38 Jahre Ausgangssperre, ja, wenn man so will: 38 Jahre Quarantäne. Nicht auszudenken, was diese Erfahrung mit einem Menschen macht: wie es ihm zusetzt – körperlich UND seelisch!

Noch bewusster wird uns die Situation des Mannes bei seinen Worten, die er Jesus antwortet: „Ich habe keinen Menschen, der mich zum Teich bringt“. Ich überlege mir, warum das so ist. Wo sind die Menschen, die ihn einmal hier an diesen Teich gebracht haben? Irgendwer muss den Gelähmten ja einmal dort abgelegt haben.

Wo sind diese Menschen? Wo ist seine Familie? Wo sind die Freunde, die Nachbarn?

Kann das wirklich sein, dass ein Mensch NIEMANDEN hat, gar niemanden?

Oder ist es den anderen inzwischen egal, was mit diesem Mann ist. Haben sie ihn vergessen oder aufgegeben? Warum hilft ihm niemand? Warum sind immer andere schneller im Wasser als er, der sich mühsam hinschleppt?

Ist auch hier an diesem Teich, wo alle dieselbe Sehnsucht nach Heilung in sich tragen, doch wieder nur jeder sich selbst der Nächste? So scheint es!

„Ich habe keinen Menschen!“

Mich berührt dieser Satz, weil er mich erinnert an die Empfindung so vieler Menschen während des Lockdowns und darüber hinaus.

Wie viele waren da allein und litten darunter: die Familie weit weg oder einfach nur sehr vorsichtig im Umgang. Lieber ruft man den Großeltern nur an, anstatt sie zu besuchen und sie ungewollt mit dem Infekt in Kontakt zu bringen.

Kein Osterfest, keine Geburtstagsfeier, die Besuche nur am Telefon, vor dem Fenster, unter der Tür. Darunter haben in diesem Jahr viele gelitten. Selbst die, die sonst gut allein sein können, wurden in diesem Jahr mit einer Einsamkeit konfrontiert, die schmerzhaft war.

Und noch viel mehr mussten diese Erfahrungen Menschen machen, die im Krankenhaus lagen oder in einem Pflegeheim wohnen. Sie hätten Menschen gehabt – nur durfte keiner zu ihnen kommen.

Und nun steht da vor diesem Gelähmten ein Mensch, der ihm helfen will: Jesus.

Er hat ihn nicht abgeschrieben, sondern sieht ihn mit seiner Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach Heilung!

„Willst du gesund werden?“ ist alles, was er ihn fragt – und dann hilft er ihm auf – in mehrfacher Hinsicht.

Da ist einer, der ihn sieht und der ihm hilft.

Das hat mich auch in den Wochen des Lockdowns fasziniert, wieviel Menschen „gesehen“ haben.

Man nahm Rücksicht, kaufte ein für die, die man besonders schützen wollte, sorgte für Angehörige und auch für Nachbarn. Man wurde kreativ, um selbst für Menschen in den Heimen kleine Hoffnungsmomente zu schaffen. Kleine Konzerte vor den Fenstern, Briefe, gebastelte Grußkarten und vieles mehr.

Und jetzt?

Jetzt scheint es mir, als seien wir wieder zurück gefallen in unser altes Lebensmodell: jeder schaut nach sich. Den anderen, der immer noch unter den Pandemiebedingungen leidet, nimmt man weniger wahr. Die eigenen Interessen stehen wieder im Vordergrund: Reisen, Feste, sich distanzlos begegnen. Verständlich natürlich. Jeder sehnt sich nach Begegnungen mit anderen. Aber nun gehen wir wieder Zeiten entgegen, wo die Freiräume enger werden – enger werden müssen. Zum Schutz der Menschen – besonders der Schwächeren.

Willst du gesund werden? Willst du besucht werden? Willst du Gesellschaft haben? Brauchst du Hilfe, Zuspruch, ein offenes Ohr? So schwer ist die Frage doch eigentlich gar nicht! Und sie umzusetzen eigentlich auch nicht.

Ich schau mich in unserer Kirche um. So viele, die Sonntag für Sonntag hier waren, fehlen immer noch – und viele von ihnen ganz sicher aus Angst vor größeren Menschengruppen. Wie geht es ihnen? Nehmen wir sie noch wahr – oder haben wir sie schon vergessen oder gar abgeschrieben? Ich hoffe nicht!

„Willst du gesund werden?“ fragt Jesus – und ich wünschte mir, er würde hier bei uns unterwegs sein und uns den Blick öffnen, für die Menschen, die Hilfe brauchen – ganz konkret – an Leib und Seele!

Oder ist er sogar bei uns unterwegs? Gerade heute durch diese Geschichte und sein Beispiel, das er uns darin gibt?

Haben wir als seine Nachfolger nicht gerade in dieser Zeit die Aufgabe, ja den Auftrag, mit offenem Blick nach den Menschen zu schauen, die nach wie vor zurückgezogen sind, sich nicht zu den anderen trauen oder es einfach nicht können? Nach Menschen zu schauen, die sich allein gelassen fühlen, und sie zu fragen: Willst du Hilfe, Gesellschaft, Zuspruch, Heilung – zumindest für deine Seele? Ich bin da für dich!

Die Geschichte des Gelähmten geht natürlich noch weiter. Der Geheilte trifft ein paar Gesetzeshüter, die ihn verurteilen, weil er seine Matte trägt – ausgerechnet am Sabbat!

So merkwürdig erscheint die Passage. Der Mann freut sich einfach, dass er laufen und seine Matte tragen kann, und nun kommen die mit ihren Gesetzen.

Jesus sagt an anderer Stelle darüber, dass der Sabbat für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Sabbat. Und auch in seinem ganzen Handeln hat Jesus in erster Linie nach dem Menschen gefragt und dem, was er braucht, damit es ihm gut geht, und weniger nach den Gesetzen.

Ich wünschte mir, dass wir auch heute bei vielen der sicher nachvollziehbaren und guten Regelungen rund um Kontaktbeschränkungen und Gefahrenbegrenzung, den einzelnen Menschen nicht aus dem Blick verlieren: Was brauchen Menschen an Gemeinschaft, an Kontakt, an Lebensmöglichkeiten, damit es ihnen gut geht? Und auf diesem Hintergrund sollte dann abgewogen werden, welche Schritte, welche Gesetze, welche Beschränkungen wirklich nötig sind.

Jesus stellt sich diesen Gesetzesvertretern immer wieder – und macht sie sich damit nicht unbedingt zu Freunden. Aber auch das nimmt er in Kauf, denn ihm geht es immer wieder und ganz allein um das Heil, das Wohl des Menschen.

Und an dieser Stelle hoffe ich, dass unsere Kirchenleitungen da wachsam bleiben. Dass sie Wege finden, dass es auch bei erneuten Beschränkungen weiterhin Wege gibt, für andere da zu sein: Menschen zu besuchen – daheim, aber auch in Krankenhäusern und Heimen. Räume für Seelsorge und Gemeinschaft zu öffnen. Gottesdienste miteinander feiern zu können, wo wir den Zuspruch direkt zu hören bekommen, aber auch mit den anderen gemeinsam vor Gott legen dürfen, was uns gerade auf dem Herzen liegt.

Willst du gesund werden? In dieser alten Geschichte wird es schon deutlich, dass „Gesundheit“ nur zu einem Teil unseren Körper meint – einen mindestens ebenso großen Teil meint unsere Seele, die sich danach sehnt aufgehoben zu sein, von Menschen umgeben und begleitet, die sie wahrnehmen und für sie da sein wollen, getragen und getröstet von Gott.

Wir als Nachfolger Christi müssen uns – gerade jetzt – immer wieder dafür stark machen, dass das nicht aus dem Blick gerät – und wir müssen für die da sein, die sich nach Hilfe und Heilung sehnen! Ganz konkret, hier bei uns!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied: Da wohnt ein Sehnen tief in uns (NL 116,1-4) (AUDIO Datei zum Mitsingen)


Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.

1) Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir. In Sorge, im Schmerz – sei da, sei uns nahe, Gott.

Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns…

2) Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir. In Ohnmacht, in Furcht – sei da, sei uns nahe, Gott.

Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns…

3) Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir. In Krankheit, im Tod – sei da, sei uns nahe, Gott.

Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns…

4) Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf dich – sei da, sei uns nahe, Gott.

Schlussgebet:

Gott, du hast Lahme geheilt.

Darum bitten wir dich für uns und für alle, denen es an Lebenskraft und Lebensmut fehlt:

Hilf uns auf die Beine und stütze uns im Alltag.

Gott, du hast Blinde geheilt.

Darum bitten wir dich für uns und alle, die dich aus den Augen verloren haben:

Lass uns dich erkennen, lass dich sehen in der Schönheit dieser Welt und im Angesicht anderer Menschen.

Gott, du hast Taube geheilt.

Darum bitten wir dich für uns und alle, die deine gute Botschaft gerade nicht glauben können: Lass dich hören in den Zwischentönen des Lebens.

Gott, du kamst zu den Verlorenen und Vergessenen.

Darum bitten wir dich für uns und alle, die sich verlassen fühlen:

Komm uns spürbar nahe und lass uns selbst für die Menschen da sein,

die wir so leicht aus dem Blick verlieren.

Gott, du hast Tote auferweckt.

Darum bitten wir dich für uns und alle, die um einen lieben Menschen trauern:

Schenk uns das Vertrauen in deine Verheißung – lass uns Halt finden im Glauben an die Auferstehung und das Leben.

Und all unsere persönlichen Anliegen legen wir in das Gebet Jesu:

Vater unser im Himmel…


Lied: Herr, wir bitten, komm und segne uns (EG 610,1-4) (AUDIO Datei zum Mitsingen)

Refrain: Herr, wir bitten: Komm und segne uns; lege auf uns deinen Frieden. Segnend halte Hände über uns.

Rühr uns an mit deiner Kraft.

1) In die Nacht der Welt hast du uns gestellt, deine Freude auszubreiten. In der Traurigkeit, mitten in dem Leid,

lass uns deine Boten sein.

Refrain: Herr, wir bitten: Komm und segne uns…

2) In die Schuld der Welt, hast du uns gestellt,

um vergebend zu ertragen, dass man uns verlacht,

uns zu Feinden macht, dich und deine Kraft verneint.

Refrain: Herr, wir bitten: Komm und segne uns…

3) In den Streit der Welt hast du uns gestellt, deinen Frieden zu verkünden, der nur dort beginnt, wo man, wie ein Kind,

deinem Wort Vertrauen schenkt.

Refrain: Herr, wir bitten: Komm und segne uns…

4) In das Leid der Welt hast du uns gestellt, deine Liebe zu bezeugen. Lass uns Gutes tun und nicht eher ruhn,

bis wir dich im Lichte sehn.

Refrain: Herr, wir bitten: Komm und segne uns…


Segen

Der Herr segne dich und behüte dich;

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Amen.



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