Gottesdienst am Altjahrsabend, den 31.12.2021 in Lichtenau



Gottesdienst am Altjahrsabend, den 31.12 2021, um 18 Uhr in Lichtenau

mit Pfarrerin Ute Braun



Dieser Gottesdienst wird auch per Zoom übertragen:

https://eu01web.zoom.us/j/65245801800?pwd=VTdpTUdrKzRPeGwrM2hjVFhXN2I4QT09

Meeting-ID: 652 4580 1800

Kenncode: 898321


Wenn Sie an unserem Gottesdienst nicht teilnehmen können, haben Sie hier die Möglichkeit dennoch mit unserer Gottesdienstgemeinschaft verbunden zu sein. (Gerne dürfen Sie diesen Gottesdienst auch ausdrucken und weitergeben.)




Orgelvorspiel

Votum: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. (Amen.)

Gruß: Der Herr sei mit euch (...und mit deinem Geist.)

Psalm 121: (EG 765) im Wechsel

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Der HERR behütet dich;

der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

Der HERR behüte dich vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!

Ehre sei dem Vater...

Gebet:

Gott, am letzten Abend dieses Jahres kommen wir zu dir.

Wieder ein Jahr gelebtes Leben vorüber.

Es gab Freude und besondere Augenblicke, an denen wir uns leicht und beschwingt fühlten.

Es gab auch Stunden und Tagen voller Bangen, Zeiten, die uns zermürbt und hilflos gemacht haben.

Gott, dir vertrauen wir an, was schwer war – nimm es uns von Schultern und Seele.

(Stille)

Dir vertrauen wir unser Leben im neuen Jahr an – dass du es bewahrst und wandelst.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Schriftlesung aus Römer 8,31-39

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.

Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Lied: EG 58,1-3+6-7: Nun lasst uns gehn und treten

https://www.youtube.com/watch?v=HCrbDzW-5VY

1) Nun lasst uns gehen und treten mit Singen und mit Beten

zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.

2) Wir gehen dahin und wandern von einem Jahr zum andern, wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen

3) durch so viel Angst und Plagen, durch Zittern und durch Zagen, durch Krieg und große Schrecken, die alle Welt bedecken.

6) Ach Hüter unsres Lebens, fürwahr, es ist vergebens

mit unserm Tun und Machen, wo nicht dein Augen wachen.

7) Gelobet sei deine Treue, die alle Morgen neue;

Lob sei den starken Händen, die alles Herzleid wenden.

Predigtgedanken zum Psalm 121

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

Es sind ganz vertraute Psalm-Worte – wir beten sie an jedem Altjahrsabend!

Für mich gehört zu diesen Worten ein ganz besonderer Blick, den ich aus meiner Wohnung in Owingen während meines Vikariats hatte. Im Hinterland von Überlingen konnte man den nahen Bodensee nicht sehen – aber an manchen Tagen den Säntis in der Schweiz…

Mächtig, eindrücklich ragte er da in der Ferne auf - und alles, was mich gerade umtrieb, schien winzig klein im Vergleich!

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

Das Volk Israel hob oftmals den Blick zum Berg Zion! Von dort, so glaubten sie, würde ihnen eines Tages Gott zu Hilfe kommen.

Es war kein erhabener Berg wie der Säntis – sondern eher ein Hügel. Zur Zeit der Psalmen war das der Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel erbaut war. Der Ort der Gegenwart Gottes. Und: Gott selbst sollte ihnen zu Hilfe kommen.


„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

Wie oft haben wir, haben Sie im letzten Jahr nach Hilfe Ausschau gehalten? In der Hoffnung, dass das, was Sie gerade beschäftigt, ängstigt oder sorgt gelöst wird – oder Ihnen zumindest die Kraft zufließt, die Sie brauchen, um weiter zu gehen, weiter zu hoffen oder einfach auch nur durchzuhalten.

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

Vielleicht ging es Ihnen aber auch im zurückliegenden Jahr ganz anders! Sie haben Schönes erlebt, wertvolle Begegnungen gehabt, Bewahrung erfahren – so dass Sie heute mit großer Dankbarkeit auf das Jahr zurückschauen.

Dann können Sie vielleicht einfacher in den 2. Vers einstimmen, in dem es heißt: „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat!“


Vielleicht war in Ihrem Jahr aber auch beides – der hilfesuchende Blick UND die Erfahrung von Hilfe, die Ihnen zuteilwurde. Dann sind Sie mitten drin in diesem Psalm – in seinem Suchen, Fragen, Hoffen und Antworten.


Und wie ist es beim Blick nach vorne? Ist Ihr Blick da eher hoffnungsfroh oder eher sorgenvoll? Was wird uns das neue Jahr bringen – unserer Gesellschaft, unserem Land, unserer Welt – und auch uns, ganz persönlich?


„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

„Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“, heißt die Antwort…

Vielleicht eine Antwort, die der Beter selbst in sich trägt – vielleicht auch die Antwort, die ein anderer ihm gibt auf sein suchendes Ausschauhalten und Fragen.

Mir persönlich gefällt die zweite Möglichkeit besser – sie kommt meiner Erfahrung näher.

Dann wenn ich wirklich nach Hilfe Ausschau halte – dann, wenn ich gerade wirklich nicht weiter weiß – dann wird auch die Stimme meiner Glaubenszuversicht etwas leiser. Und ich bin dankbar, wenn jemand anders dann zu mir kommt und sagt: „Also: Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. – und auch dir kommt er zu Hilfe… Vertrau nur!“


In immer neuen Bildern und Wendungen besingt der Psalm so diesen „Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“

ER, dieser große, mächtige und eigentlich ferne Gott sorgt sich um dich und mich. Er verliert uns zu keinem Augenblick aus den Augen! „Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen und der dich behütet schläft nicht – siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht“, heißt es da.

Ja, der Psalm nimmt Bilder und Glaubensvorstellungen seiner Zeit und seiner Umwelt auf: Unser Gott ist wie ein wachsamer Hirte, ein Hüter seiner Schafe. Er kennt keine Müdigkeit, er schläft nicht, ja er nickt auch nicht kurz ein – jeden Moment ist er wachsam.

Er ist ganz anders als die Götter, an die die Nachbarvölker Israels glauben – er ist kein Gott, der Winterschlaf hält und erst mit der erwachenden Natur dann auch wieder präsent ist – nein, der Gott Israels ist immer da, immer wach – er schläft und schlummert nicht!


ER „ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.“ Auch diese Bilder müssen wir in der Zeit und der Umwelt damals sehen: Die Menschen waren den Einflüssen der Natur ausgesetzt – der heißen Sonne zur Mittagszeit, dem beunruhigenden Mond, der Tiere und Menschen nervös machen kann, bei Nacht.

Aber ihr Gott beschattet, beschirmt, beschützt – vor der stechenden Sonne am Tag – aber auch vor den Alpträumen und den quälenden Gedanken in der Nacht.


Wir heute haben andere Bilder – leben in einer anderen Zeit haben auch andere Gottesvorstellungen – und doch erreichen uns diese alten Bilder und das Vertrauen, das sie zum Ausdruck bringen:

Wir spüren, hier wird tiefes Gottvertrauen in Bilder gefasst – und die Sehnsucht nach Geborgenheit und Schutz.


Und dann kommt noch ein Vers:

„Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!“

Wir kennen diese Worte von unseren Beerdigungen – es ist der Vers, wenn wir uns auf den Weg machen aus der Halle hin zum Grab.

Und damit nehmen wir die Dimension auf, die auch der Psalm anklingen lässt.

Die Begleitung und Bewahrung Gottes – sie umfasst unser Leben mit allen Wegen, die wir darin zurücklegen – sie umfasst unseren Körper mit allem, was ihm widerfahren kann – sie umfasst aber auch unsere Seele mit allem Glück und allem Schmerz – und sie umfasst unsere Ewigkeit.

Denn der Gott, der hier im Psalm besungen wird, ist an keinen Ort und an keine Zeit gebunden.

Nichts und niemand kann uns schaden – nicht äußerlich und nicht innerlich - nicht in diesem Leben und auch nicht danach.

Das ist schon ein sehr großes Glaubensbekenntnis, das hier in diesen wenigen Psalmversen aufgenommen ist.


Ich schaff das nicht immer, das so unerschütterlich zu sagen und zu bekennen:

Viel häufiger erlebe ich, dass mein Glaube ein wenig oder auch mehr durchgerüttelt wird und mein Vertrauen ins Wanken gerät.

Und in solchen Momenten bin ich dann dankbar, wenn jemand von außen kommt – mir Tröster und Wegbegleiter ist – und mir von außen zuspricht: „ER wird deinen Fuß nicht gleiten lassen!“


Es sind nicht wir, die Gott festhalten müssen – und es ist auch nicht allein unser menschlicher Glaube, der uns Halt gibt - Halt gibt uns viel mehr der, an den wir glauben!

Und der ist auch dann fähig uns festzuhalten, wenn wir uns nicht mehr halten können. Der kann unseren Fuß sicher führen, auch wenn wir schon lange keinen Weg mehr sehen. Der kann uns Hilfe und Trost geben, wo andere Menschen und wir selbst schon längst aufgegeben haben. Der kann uns an Orte und in Zeiten führen, an die wir noch nicht einmal denken. Der kann uns auch über Berge führen, die uns nahezu unüberwindlich erscheinen. Und er selbst geht mit uns.


Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen – woher kommt mir Hilfe?

Manchmal ist es einfach nötig, den Blick zu heben und aufzusehen – von den Sorgen, die uns niederdrücken, von den Ängsten, die uns den Blick verstellen, von der Trauer, die es uns manchmal schwer macht, den Kopf zu heben, von den Nachrichten, die uns am liebsten wegschauen lassen.

Wir können den Blick heben wie ich damals – zu den mächtigen Gipfeln am Horizont – die doch manches wieder ins rechte Verhältnis rücken.

Oder noch besser: wir können den Blick heben zu dem, von dem die Menschen damals glaubten, er lebt auf dem Berg Zion.

Mit seiner Hilfe können wir getrost weitergehen – können aufbrechen in die Zukunft voller Hoffnung und Zuversicht, auch in scheinbar ausweglosen Situationen – denn er ist bei uns, geht mit uns – am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!

Amen.

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