• Ute Braun

Gottesdienst am Sonntag Judica, den 21.3.2021



Gottesdienst am Sonntag Judica, den 21.3.2021

um 10:00 Uhr in Lichtenau mit Pfarrerin Ute Braun


Wenn Sie an unserem Gottesdienst nicht teilnehmen können, haben Sie hier die Möglichkeit dennoch mit unserer Gottesdienstgemeinschaft verbunden zu sein.

(Gerne dürfen Sie diesen Gottesdienst auch ausdrucken und weitergeben)




Votum:

Wir feiern Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 43: NL 919

Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen?

Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt?

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Eingangsgebet

Warum? Warum?

Zweimal fragt der Psalm so. Gott, in diese Frage möchte ich einstimmen: Warum? So oft verstehe ich nicht, was in dieser Welt geschieht. So oft suche ich Spuren deines Handelns in ihr und ich sehne mich nach Antworten auf alle meine Fragen.

Warum? Manchmal verstehe ich mich auch selber nicht.

Ich tue, was ich eigentlich vermeiden möchte.

Ich sage, was ich eigentlich nicht sagen sollte.

Ich denke, was zu denken weh tut.

Warum? Dann bin ich mir selber fremd, und ich frage mich, warum ich nicht handeln, denken und reden kann, wie ich eigentlich will.

Warum?

Zu dir, Gott, komme ich mit diesen Fragen – hilf mir zu verstehen in Christus, deinem Sohn.

Amen.

Schriftlesung: Hiob 19,21-27

Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!

Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt,

und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.

Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.

Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und keinen Fremden. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Lied: Jesu meine Zuversicht (EG 526,1-3 - spätere Melodie)

https://www.youtube.com/watch?v=5WkaxuZbcXY


1) Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland, ist im Leben.

Dieses weiß ich; sollt ich nicht darum mich zufrieden geben,

was die lange Todesnacht mir auch für Gedanken macht?

2) Jesus, er mein Heiland, lebt; ich werd auch das Leben schauen,

sein, wo mein Erlöser schwebt. Warum sollte mir denn grauen?

Lässet auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht nach sich zieht?

3) Ich bin durch der Hoffnung Band zu genau mit ihm verbunden,

meine starke Glaubenshand wird in ihn gelegt befunden,

dass mich auch kein Todesbann ewig von ihm trennen kann.

Predigtgedanken zu Hiob 19,21-27

„Schaffe mir Recht, Gott“ – so hieß es vorhin im Psalm 43. Und diese Worte sind es auch, die unserem Sonntag heute den Namen geben: Judica!

Unwillkürlich habe ich einen Gerichtssaal vor Augen:

Auf dem Richterstuhl sitzt Gott! Davor der, der die Anklage führt – der zu seinem Recht kommen möchte. Also unser Psalmbeter.

Er ruft den Richter an, die Sache für ihn zu entscheiden. Ihm zu seinem Recht zu verhelfen.

Und wer ist der Angeklagte? Im Psalm 43 ist das ganz eindeutig: „das treulose Volk“, die „falschen und bösen Leute“!


Daneben nun der Abschnitt aus dem Buch Hiob. Auch hier wieder unser Gerichtssaal: Gott sitzt auf dem Richterstuhl und Hiob auf der Bank der Kläger.

Klagen hat er genug vorzubringen: er hat sein Hab und Gut verloren, seine Kinder sind gestorben und nun wurde ihm auch noch seine Gesundheit genommen. Ja, Grund zur Klage hat er im Überfluss – und wir können sie in vollem Umfang nachvollziehen.

Uns würde schon einer der genannten Verluste reichen, um aus tiefstem Herzen zu klagen!

Ich denke da an Menschen, die jetzt im Moment um ihr Auskommen fürchten: über Monate schon in Kurzarbeit oder gar frei gestellt. Andere schon insolvent. Die Unterstützungsgelder des Bundes reichen hinten und vorne nicht, um die fortlaufenden Kosten zu decken…

Ich denke an Menschen, die an Leib oder Seele erkrankt sind – und keine Perspektive auf Heilung haben: sie klagen, schütten ihr Herz aus…

…und auch Menschen, die Angehörige verloren haben, kennen die Klage – ja, das Wehklagen…

Und sie alle suchen einen Schuldigen oder zumindest eine Erklärung für ihr Leiden.

Denn manche Klage, mancher Schmerz erträgt sich zumindest ein bisschen leichter, wenn man jemanden findet, den man dafür verantwortlich machen kann. Oder wenn man zumindest eine gute Erklärung bekommt für das, was man gerade durchleiden muss.


Und Hiob nun – er hat Verluste in allen drei Lebensbereichen zu beklagen und auch er sucht nun eine Erklärung dafür oder gar einen Verantwortlichen, einen Schuldigen.

Beim Blick in unseren Gerichtssaal habe ich nun folgendes Bild: auf dem Richterstuhl: Gott. Es ist seine angestammte Rolle aus der Tradition – auch im Buch Hiob. Ich habe Hiob selbst auf der Bank des Klägers sitzen – und wer muss auf die Anklagebank?

Im Buch Hiob werden uns mehrere Personen vorgestellt. Darunter sind die 3 Freunde Hiobs wohl die, die am meisten Raum in der Erzählung haben. Sie suchen mit Hiob gemeinsam nach einer Erklärung für sein Leiden. Auf die Anklagebank gehören sie nicht. In den ersten Szenen des Buches Hiob sitzen sie wohl eher neben ihm – oder auch im Zuschauerbereich und warten ab, wie der Prozess verläuft.

Die Frau Hiobs? Sie macht aus ihrer Meinung keinen Hehl: „Schwöre Gott ab und stirb“, sagt sie… Das ist jetzt nicht die Unterstützung, die Hiob brauchen würde – aber auch kein Grund sie auf die Anklagebank zu setzen…

Das Buch Hiob bietet uns noch zwei andere Figuren an: Den Satan und Gott selbst, die in der Rahmenhandlung aushecken, wie sie Hiob und seinen Glauben auf die Probe stellen könnten…

Gehört einer von ihnen auf die Anklagebank?


Ich überlege mir, wen Leidende heute auf die Anklagebank setzen würden. Menschen, die so wie Hiob im Grunde alles verloren haben, was ihr Leben lebenswert gemacht hat – oder auch nur einen Teil davon. Hier begegnet es uns, dass sie Gott dafür anklagen. Warum mutet er mir das zu? Warum hat er mich nicht davor bewahrt? Gott hat mich verlassen!

Und auch bei Hiob ist das so – sogar sehr direkt: Warum hast du mich verlassen. Warum mutest du mir das zu?

Hiob klagt nicht nur vor Gott – er klagt ihn regelrecht an.

Er legt alles auf den Tisch, was ihn belastet. Er streitet und hadert mit Gott, macht seinem Schmerz Luft.

Und man hat das Gefühl, das darf auch so sein – ja es muss so sein – der Schmerz muss an- und ausgesprochen werden.

So wie es auch Menschen heute in der Seelsorge erfahren: ich darf aussprechen, was mich belastet, und auch mein Fragen und Zweifel haben ihren Platz.


Doch dann dreht sich das Bild in der Hiobsgeschichte. Denn für die Freunde ist das ungeheuerlich, was Hiob sich hier anmaßt!

Wie kann er es wagen, Gott auf die Anklagebank zu setzen?

Seine Freunde, die bisher noch an seiner Seite waren oder das ganze Geschehen noch ein wenig distanziert beobachtet haben, erheben nun ihr Wort gegen Hiob „Das kannst du doch nicht tun – du kannst doch nicht Gott anklagen. Überleg lieber mal, was du selbst falsch gemacht hast.“

Ja, die Freunde, sie setzen sich nun mit auf den Richterstuhl und verbannen Hiob auf die Anklagebank: „Irgendetwas muss du ausgefressen haben, Hiob, dass dir all das widerfährt!“


Sie haben viel gemeinsam mit manchen „Gerechten“, die uns auch heute noch begegnen. Menschen, die Leiden auf Schuld zurückführen. Für die so etwas wie eine „Prüfung Gottes“ oder gar eine „Strafe Gottes“ ein Erklärungsmodell ist.

Sie erinnern auch an die, die für alles, was wir erfahren Erklärungen finden: Erklärungen in unserem Lebenswandel, in unserem gesunden oder weniger gesunden Ernährungsstil usw.

Selbst wenn sie mit ihren „Erklärungen“ vielleicht Recht haben, diese Erklärungen helfen dem Leidenden überhaupt nicht. Im Gegenteil: durch ihr Reden und Verhalten lassen sie ihren Freund mit seinem Leid alleine. Sie lassen ihn regelrecht im Stich!


In unserem Gerichtssaal sitzt nun Hiob allein – er wurde vom Kläger zum Angeklagten – und hat eine ganze Schar Richter als Gegenüber. Ein bedrückendes Gefühl, wenn ich es mir vor Augen führe: da ist einer, der schweres Leiden ertragen muss – und er wird allein gelassen – alleingelassen von der Gesellschaft, seiner Frau, seinen engsten Freunden. Das ist die Situation Hiobs!

Ich glaube, im zurückliegenden Jahr haben viele von uns am eigenen Leib erfahren, wie es ist, allein gelassen zu werden. Besonders schmerzhaft mussten das Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern erfahren – aber nicht nur sie. Allein zu Recht kommen zu müssen mit seinem Schmerz, seinen Fragen, seinen Ängsten, seiner Einsamkeit, seiner Erkrankung.

Die Stärke Hiobs: er fasst auch dieses Gefühl des Verlassen-Seins in Worte und bleibt weiterhin in der Rolle des Anklägers. Am Anfang unseres Textes klingt das so:

„Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde;

denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?“


Und dann tut er noch etwas: er holt sich Unterstützung: „Schaffe mir Recht Gott!“ heißt es im Psalm – bei Hiob heißt es: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben“

Der „Erlöser“, wie in Hiob hier nennt, wir können ihn uns vorstellen wie einen Anwalt – ja, den Staatanwalt, der die Position des Hiob stärkt.

Ja, es ist noch mehr. In der Zeit des Hiobs war der Löser der, der Schulden begleicht, der einen befreit. Hiob ist davon überzeugt, dass dieser Löser ihn schlussendlich befreien wird – dass sich dieser Befreier am Ende aus dem Staub erheben wird und den zerschlagenen Hiob aufrichten wird.

Und wer ist für Hiob dieser „Erlöser“? Wir hören das als Christen natürlich nochmal ganz anders: in unserem Glauben ist Jesus Christus dieser Erlöser, der stärkt und aufrichtet und einen vor Gott vertritt. Aber Hiob kannte Jesus Christus noch nicht. Doch auch für ihn ist der „Erlöser“ Gott. Gott, den er schlussendlich als seinen Retter sieht. Der schon hinter ihm steht, ihn bestärkt und ihn schlussendlich aufrichten wird.


Haben Sie ihn noch vor Augen unseren Gerichtssaal? Mit Hiob auf der Bank des Klägers?

Haben Sie auch noch vor Augen, wo Gott sitzt? Ja, auf dem Richterstuhl – ganz traditionell. Auch auf der Anklagebank. Aber er steht ebenso hinter Hiob auf der Seite der Kläger.

Hiob steht mit Gott vor Gott dem Richter und klagt Gott selbst an. Befremdlich? Ein wenig! Aber eigentlich genau das, was unser lebendiges Gottesbild zum Ausdruck bringt, in dem wir Gott eben nicht auf eine Rolle festlegen sondern der für uns alles zugleich sein kann: Richter, Angeklagter, Kläger, Leidender, Befreier, Erlöser.

So kann er für uns auch in unserem Leiden da sein: als Richter, der uns frei spricht – als Angeklagter oder auch als Klagemauer, bei dem wir unserem Schmerz Luft verschaffen dürfen – als der, der im Leiden bei uns bleibt – uns den Rücken stärkt.

Sie können sich das nicht vorstellen, wie Gott all das sein kann? Nun, es ist genau das, was wir als Christen glauben – in der Person des Jesus von Nazareth – menschgewordener Sohn, gekreuzigter Gott, auferweckter Verurteilter.

Und als solcher uns in unserem Leiden nahe. Amen.

Lied: Holz auf Jesu Schulter (EG 97,1-3)

https://www.youtube.com/watch?v=OQ9GAfJruqQ


1) Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,

ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn.

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

2) Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt

Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehen

3) Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.

Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht!

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn…

Fürbitten

Gott, Richter der Welt,

vor dich bringen wir all die Orte auf unserer Welt und die Situationen in unserem Leben, wo Unrecht geschieht und Menschen Gewalt erfahren.

Mache Menschen mutig und bereit, sich immer wieder für dein Recht einzusetzen – sich für die Schwachen stark zu machen – gegen Unrecht einzutreten.

Gott, unsere Klagemauer,

vor dir sprechen wir auch aus, welche Leiden uns belasten, wo wir uns verlassen fühlen, wo wir ohnmächtig und hilflos zurückbleiben.

Sei du der Ort, wo Menschen ihren Schmerz und ihre Klage herausschreien dürfen – und wo die Sprache fehlt, da mildere den Schmerz auch ohne Worte.

Gott, Befreier und Erlöser,

wir brauchen deine Nähe, die uns aufrichtet und bestärkt gerade in schwerer Zeit.

So bitten wir dich in diesen Wochen und Monaten für alle, die schwer zu tragen haben:

Die Kranken und Einsamen, die Sterbenden und Trauernden,

für die Sorgenden und Fürsorgenden, aber auch für die, die um ihre Existenz, ihren Lebensunterhalt fürchten.

Gott in Jesus Christus,

in deinem Sohn hast du dich auf das Leiden in dieser Welt eingelassen – es selbst erlitten, getragen und überwunden.

Mit seinen Worten beten wir nun zu dir:


Vater unser...

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied: Der Herr segne dich (NL 118,1+2)

https://www.youtube.com/watch?v=ZefckF5a_6I


Refrain: Der Herr segne dich, behüte dich, lasse sein Angesicht leuchten über dir und der Herr sei dir gnädig!

Er erhebe sein Angesicht über dich und erfülle dein Herz mit seinem Licht, tiefer Friede begleite dich.

1) Ob du ausgehst oder heimkommst, ob du wach bist oder schläfst,

sei gesegnet und gestärkt durch seinen Geist.

Ob du in das Tal hinab schaust oder Berge vor dir stehen,

mögest du den nächsten Schritt in seinem Segen gehen!

Refrain: Der Herr segne dich, behüte dich…

2) Ob die Menschen, die Du liebst, dies erwidern oder nicht,

sei ein Segen durch die Gnade deines Herrn.

Ob die Träume, die du träumtest noch verheißungsvoll bestehen

oder längst schon nicht mehr für dich wie ein Traum aussehen.

Friede mit dir! Friede mit dir!

Refrain: Der Herr segne dich, behüte dich…

Segen

Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht über euch und gebe euch Frieden. Amen.



All unsere Gottesdienste – teilweise auch zum Anhören - und weitere Impulse finden Sie auch auf unserer Homepage: https://www.ev-kirchengemeinde-lichtenau-baden.com/unsere-gottesdienste




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